Save the Children Konzept

Mehr als Likes: Kritisch denken im Influencer-Zeitalter I

Die Schüler*innen beschäftigen sich mit Influencer-Inhalten und lernen, zwischen Beliebtheit und Glaubwürdigkeit zu unterscheiden. Sie erkennen typische Tricks wie künstlichen Zeitdruck und nutzen einfache Strategien, um sich sicher im Netz zu orientieren.

OER Lizenz: CC BY SA Save the Children

Übersetzung durch tech & teach

So geht's

Mehr als Likes: Kritisch denken im Influencer-Zeitalter I

Informationen zur Methodik

Folgende Methoden werden in dieser Unterrichtsstunde angewendet: 

  • Routine einführen: Zunächst führst du einen Handlungsansatz ein, der die Schüler*innen unterstützen soll, wenn sie online emotional triggernde Inhalte sehen. Du stellst die Drei‑Schritte‑Routine „Innehalten – Fragen – Belegen“ vor. 
  • Gemeinsame Analyse (Taskcard): Gruppenarbeit zur Analyse fiktiver Posts (Design‑Tricks, Überzeugungsstrategien wie Dringlichkeit/Angst, versteckte Interessen wie Werbung/Bezahlte Kooperationen). 
  • Kreative Gestaltung: Die Schüler*innen schlüpfen selbst in die Rolle von Influencer*innen und erstellen attraktive Inhalte ohne täuschendes Design oder künstlich erzeugte Dringlichkeit. 
  • Kritisches Abstimmen & Reflexion: Abstimmung über den besten und verdächtigsten Beitrag, Reflexion über Glaubwürdigkeit. 

In der Altersgruppe 9-12 Jahre ist der präfrontale Kortex (zuständig für Entscheidungen) noch in Entwicklung. Daraus entsteht das Vertrauens‑Genauigkeits‑Paradox: Kinder glauben Botschaften eher, wenn sie selbstbewusst von vertrauten Personen (z. B. Influencer*innen) vorgetragen werden – unabhängig von ihrer Richtigkeit. 

Ziel ist es nicht, die Schüler*innen misstrauisch gegenüber allem zu machen, sondern eine Sicherheitsroutine zu entwickeln, die ihnen hilft, in einer digitalen Umgebung bewusst zu entschleunigen, die eigentlich darauf ausgelegt ist, sie zu beschleunigen. 

Einführung (10 Minuten)

  1. Die Stunde startest du möglichst realitätsnah für die Schüler*innen. Dafür kommt ihr gemeinsam in ein Gespräch über ihre liebsten Influencer*innen. Du kannst folgende Fragen stellen:
 
    • Wer sind eigentlich Influencer*innen?
    • Welche Profile kennt ihr (Gaming, Sport, Mode …)?
    • Woran erkennt man, dass jemand Einfluss hat – an Followerzahlen, Sprache, Nähe?
    • Zentral: Wie stark beeinflussen diese Meinungen, was ihr kauft, denkt oder tut?
 
  1. Sammle Antworten und erinnere, wenn nötig, an die Gesprächsregeln und einen respektvollen Umgang miteinander.
  2. Mache deutlich: Schnelles Glauben oder Reagieren auf Posts ist nicht Fehler der Kinder. Die Social Media Plattformen sind so gestaltet, dass bestimmte Stimmen vertraut, glaubwürdig und teilweise auch drängend wirken.
  3. Erkläre, dass die Motivation von Influencer*innen beim Teilen von Inhalten sehr stark variieren kann:
 
    • Manchmal handeln sie wie Forscher*innen und überprüfen jede einzelne Information sorgfältig, bevor sie etwas online teilen/posten.
    • Und manchmal verbreiten sie versehentlich falsche Inhalte, weil es interessant wirkt oder einfach nicht geprüft wurden – das nennt man Misinformation oder Fehlinformation (ein unbeabsichtigter Fehler).
    • Es kann ebenfalls vorkommen, dass sie bewusst falsche Inhalte teilen, um daraus Vorteile zu ziehen, zum Beispiel Geld, Geschenke oder mehr Klicks – das nennen wir Desinformation (absichtliche Täuschung).
 
  1. Frage die Klasse nach Beispielen und Influencer*innen, bei denen sie die verschiedenartigen Motivationen schon einmal mitbekommen haben. So können sich die Schüler*innen ein besseres Bild davon machen.
Hintergrundinformationen für Lehrkräfte

Fehlinformation (Misinformation) entsteht, wenn falsche oder irreführende Inhalte versehentlich geteilt werden, ohne die Absicht zu schaden. Ein Influencer kann dabei in diese Falle geraten, z.B. aus Unachtsamkeit oder dem Druck, als Erste*r, über spannende Nachrichten zu berichten, oder weil ein Gerücht nicht überprüft wurde. In solchen Fällen glaubt die Person selbst, dass die Information stimmt, verbreitet aber trotzdem eine falsche Nachricht, weil sie nicht sorgfältig geprüft wurde. 

Im Gegensatz dazu ist Desinformation die bewusste Verbreitung falscher Inhalte mit dem Ziel, zu täuschen oder zu manipulieren. Die Motive von Influencer*innen können dabei finanzieller Gewinn sein (z. B. die Werbung für ein „Wunderprodukt“, von dem sie wissen, dass es nicht wirkt), das Streben nach Klicks oder auch ideologische Interessen. Hier besteht eine klare Absicht, die Wahrheit zu verschleiern, um sich selbst oder einer bestimmten Gruppe Vorteile auf Kosten des Vertrauens der Zuschauerinnen zu verschaffen. 

Der grundlegende Unterschied liegt also in der Absicht: Bei einer Fehlinformation handelt es sich um einen menschlichen Fehler im schnelllebigen digitalen Umfeld, bei Desinformation dagegen um gezielte Täuschung. Für Schüler*innen ist es wichtig zu verstehen, dass das Ergebnis unabhängig von der Absicht gleich problematisch sein kann: ein verzerrtes Bild der Realität, das zu falschen Entscheidungen führt. 

  1. Nach der Analyse der Motive von Influencer*innen schaut ihr euch nun genauer an, wie Influencer*innen ihre Zuschauer ansprechen. Gemeinsam überlegt ihr: Welche typischen Techniken nutzen sie, mit denen Aufmerksamkeit gezielt gebunden wird?
  2. Der zentrale Gedanken, der hier erarbeitet werden sollte, ist: Wenn Inhalte uns zum schnellen Reagieren drängen, verlieren wir Kontrolle über unsere Entscheidungen. In einer digitalen Welt, die uns ständig beschleunigt, hilft vor allem eines: bewusst langsamer zu werden.
  3. Dafür stellst du die Handlungsroutine „Innehalten – Fragen – Belegen“ vor:
 
    • Innehalten: Vor Likes, Kommentaren oder Teilen kurz anhalten. Wenn starke Gefühle (z. B. Wut, Aufregung, Nervosität) ausgelöst werden, bewusst stoppen und durchatmen.
    • Fragen: Prüfen, wer den Inhalt veröffentlicht hat und mit welcher Absicht. Geht es um Informationen oder um Aufmerksamkeit/Klicks?
    • Belegen: Informationen mit anderen vertrauenswürdigen Quellen vergleichen. Gibt es Belege oder nur eine einzelne Meinung?
 
  1. Beende die Einführung, indem du deutlich machst, dass nicht die Reichweite einer Person Vertrauenswürdigkeit schafft, sondern die Qualität ihrer Belege. Auch ein Influencer mit vielen Followern bleibt ohne nachvollziehbare Beweise wenig glaubwürdig.
Hintergrundinformationen für Lehrkräfte

Der Schritt „Innehalten“ zielt darauf ab, die automatische Reaktion des limbischen Systems zu unterbrechen, das für Emotionen und Überraschung zuständig ist. Wenn Schüler*innen lernen innezuhalten, bekommt der präfrontale Kortex Zeit, „anzuschalten“ und die Kontrolle zu übernehmen. So können sie die emotionale Wirkung eines Beitrags (was ich fühle) von seinem tatsächlichen Inhalt (was gezeigt wird) trennen und impulsives Liken oder Teilen reduzieren. 

Im Schritt „Fragen“ trainieren die Schüler*innen ihre Analysefähigkeit, indem sie Quelle und Absicht hinterfragen. Es geht nicht nur darum zu wissen, wer der Influencer ist, sondern auch zu erkennen, ob Interessenkonflikte bestehen oder ob gezielt „Reize“ (z. B. Dringlichkeit oder Angst) eingesetzt werden, um zu beeinflussen. Dieser Schritt hilft dabei, Popularität nicht mehr als Beweis für Wahrheit zu sehen, sondern die Absicht hinter einer Botschaft zu bewerten. 

Der Schritt „Belegen“ führt das Prinzip des Quellenvergleichs ein. Die Schüler*innen lernen, die „geschlossene Welt“ sozialer Netzwerke zu verlassen und Informationen mit externen oder offiziellen Quellen zu überprüfen. Der pädagogische Nutzen ist groß: Wahrheit hängt nicht davon ab, ob man einer Person vertraut oder sie mag, sondern davon, ob sich Aussagen durch Fakten und übereinstimmende Informationen aus verschiedenen Quellen belegen lassen. 

Bei Unsicherheiten oder wenn es um sensible Themen (z. B. Finanzen oder Gesundheit) geht, ist außerdem zu betonen, dass es immer sinnvoll ist, eine vertrauenswürdige erwachsene Person einzubeziehen. 

Analyse von Influencer Posts (20 Minuten)

  1. Teile die Klasse in Kleingruppen ein und verteile pro 2 Schüler*innen einen Laptop / ein Tablet. Bitte die Schüler*innen die Taskcard über den bereitgestellten Link zu öffnen.
  2. Erkläre, dass auf den Taskcards verschiedene fiktionale Posts von Influencern zu finden sind. Diese sollen im ersten Schritt von den Kleingruppen nach der Methode „Innehalten – Fragen – Belegen“ analysiert werden. (Die Methode ist ebenfalls auf der Taskcard nochmals ausführlich erklärt).
  1. Ihre Gedanken können die Schüler*innen während der Analyse in einem Kommentar unter dem Post sammeln, indem sie eine neue Karte hinzufügen.
  2. Gib ihnen Zeit, die Posts durchzugehen. Es ist nicht notwendig, jeden Beitrag unter jedem erwähnten Aspekt zu analysieren, und es können mehrere Kommentare zum selben Post abgegeben werden.
  3. Nach ca. 10 Minuten besprecht ihr im Plenum ein paar der Kommentare, die die Schüler*innen am interessantesten fanden.

Ehrlicher Influencer Wettbewerb (20 Minuten)

  1. In der nächsten Übung werden die Schüler*innen selbst zu Influencer*innen. Jede Gruppe denkt sich einen Post aus, den sie auf demselben Taskcard Board (in einer neuen Spalte) hochladen. Dabei gelten folgende Regeln:
    • In der Struktur sollten die Beiträge den bereits analysierten Posts ähneln, sie können jedoch frei wählen, welchen Inhalt sie erstellen möchten.
    • Jeder Post besteht aus einem Bild und einem Text – zum Thema darf im Internet (Google, Ecosia, DuckDuckGo…) recherchiert werden.
    • Wichtig ist: Der Inhalt muss real sein und darf nicht erfunden sein.
    • Es sollte ein spannendes Thema sein, dass Klicks und Likes generiert.
    • Gewaltverherrlichende und sexualisierte Beiträge sind nicht geduldet.
 
  1. Am Ende der Übung stimmen die Schüler*innen ab, über
    • den Beitrag, der das meiste Mistrauen ausgelöst hat. Hier können einzelne Schüler*innen begründen, aufgrund welcher Kriterien sie den Post verdächtig/unglaubwürdig fanden.
    • den Beitrag, den sie am besten fanden. Hier können einzelne Schüler*innen begründen, aufgrund welcher Kriterien sie den Post besonders gut fanden.
    • Das Team mit den meisten Misstrauensstimmen nimmt nicht an der Abstimmung zum besten Post teil.

Abschluss (10 Minuten)

  1. Zum Abschluss reflektierst du mit den Schüler*innen, dass es nicht nur in der eigenen Verantwortung liegt, irreführende oder falsche Inhalte zu erkennen. Kläre sie darüber auf, dass es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren ist, die die Verbreitung solcher Inhalte begünstigen:
 
    • Plattformen (z. B. TikTok, Instagram, YouTube) belohnen schnelle und emotionale Inhalte – je „schockierender“ ein Beitrag ist, desto mehr wird er verbreitet.
    • Influencer*innen geraten oft selbst unter Druck, immer extremere Inhalte zu posten, um sichtbar zu bleiben.
    • Nutzer*innen sind der letzte Teil: Wenn wir impulsiv liken oder teilen, verstärken wir genau diese Inhalte, oft ohne es zu wollen.
 
  1. Fazit: Das System belohnt starke Emotionen statt sachliche Informationen. Das zu verstehen hilft, solche Mechanismen nicht als persönliches Versagen zu sehen, sondern als Teil der digitalen Umgebung. Trotzdem tragen auch Plattformen und Influencer Verantwortung, z. B. durch klare Werbung, das Vermeiden von irreführenden Aussagen und einen verantwortungsvollen Umgang mit Inhalten. 

Wichtig für Schüler*innen ist außerdem:
Ständige Konfrontation mit Angst, Druck oder unrealistischen „perfekten Leben“ kann die mentale Gesundheit belasten und Stress auslösen . Wenn Inhalte verunsichern, sollte man sie nicht weiter konsumieren, sondern stoppen, ggf. speichern oder schließen und eine vertrauenswürdige erwachsene Person einbeziehen. Die Handlungsroutine „Innehalten – Fragen – Belegen“ hilft nicht nur dabei, Wahrheit zu prüfen, sondern auch die eigene digitale Gesundheit zu schützen. Ziel ist es, bewusster zu entscheiden und sich nicht von Likes, sondern von überprüfbaren Informationen leiten zu lassen.

Erweiterung (15 Minuten)

Wenn mehr Zeit zur Verfügung steht, kannst du zwei Gruppen auswählen, die zusätzlich Posts mit Desinformationen erstellen. Der Rest der Klasse muss versuchen, diese zu entlarven und kann dazu z.B. recherchieren. 

Weniger Zeit?

Steht weniger Zeit zur Verfügung, kann jede Gruppe nur einen der Posts auf der Taskcard analysieren. 

Viel Spaß beim Ausprobieren

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