Save the Children Konzept

Dein Feed – Wie Algorithmen entscheiden

In dieser Unterrichtseinheit lernen die Schüler*innen, wie Empfehlungssysteme auf Apps und Webseiten funktionieren. Sie erfahren, wie ihre Daten genutzt werden, um vorherzusagen, was sie gerne sehen oder anklicken. Es wird erkundet, wie Algorithmen unsere Gefühle beeinflussen können und warum man manchmal zu viel Zeit auf sozialen Plattformen verbringt. Die Schüler*innen setzen sich kritisch mit personalisierten Feeds, Überinformation, emotionaler Beeinflussung und digitalen Gewohnheiten auseinander.

OER Lizenz: CC BY SA Save the Children

Übersetzung durch tech & teach

Dein Feed – Wie Algorithmen entscheiden - Konzept Save the Children
So geht's

Dein Feed – Wie Algorithmen entscheiden

Vorbereitung

  • Beamer/Display als Präsentationsfläche
  • Feed-Karten ausdrucken und ggf. laminieren (siehe oben unter Downloadmaterial)
  • Whiteboard oder Poster mit drei Spalten (ja, vielleicht, nein) vorbereiten
  • Optional: Digitales Tool wie Padlet oder TaskCards zur Ergebnissicherung einrichten

Einführung (10 Minuten)

  1. Beginne die Einheit mit einem kurzen Einstieg, der das Vorwissen der Schüler*innen aktiviert:

    • Stelle den Begriff „Algorithmus“ in einem alltagsnahen Kontext vor: Frage in die Runde, wer schon einmal bei TikTok, Instagram, YouTube oder einer Musikstreaming-Plattform bemerkt hat, dass die Inhalte sehr gut zu den eigenen Interessen passen.
    • Leite daraus die Kernfrage der Stunde ab:  „Wie entscheiden eigentlich Plattformen, was ich sehe und was nicht?“ Erkläre, dass hinter diesen Entscheidungen sogenannte Algorithmen bzw. Empfehlungssysteme stecken, die auf Basis von Nutzungsdaten arbeiten.
  2. Lasse die Schüler*innen in Einzelarbeit oder kleinen Gruppen spontan notieren, was sie glauben, wodurch solche Systeme „wissen“, was zu ihnen passt.
  3. Sammle anschließend die Antworten im Plenum und notiere sie auf dem Whiteboard.
Antworten könnten sein
  • bisherige Likes 
  • Abspielverhalten 
  • Uhrzeit 
  • Freundesnetzwerke 
  • Suchverlauf 
  • Standort 
  • Sprache 
  • Interaktionsdauer  
  • usw. 

Betone, dass es in dieser Unterrichtsstunde nicht darum geht, Technik zu verteufeln, sondern herauszufinden, wie personalisierte Inhalte entstehen und wie man selbstbestimmt damit umgehen kann.

Theoretischer Hintergrund

Empfehlungssysteme bestimmen, welche Inhalte Nutzer*innen auf Plattformen wie YouTube, TikTok, Instagram oder Spotify sehen. Sie werten kontinuierlich Daten aus (z.B. Likes, Klicks, Verweildauer, Kommentare, Suchbegriffe, Standort oder Freundesnetzwerke) und erstellen daraus ein Profil. So “lernen” Algorithmen, welche Beiträge wahrscheinlich am meisten Aufmerksamkeit, Emotionen oder längere Nutzung erzeugen. Ziel ist es meist, die Verweildauer zu erhöhen und Werbung gezielt auszuspielen. 

Jugendliche nutzen Plattformen oft stundenlang, ohne zu merken, dass ihr Feed nicht zufällig entsteht. Das kann Folgen haben: 

  • Meinungsbildung: Gefahr vor Filterblasen und Echokammern  
  • Mentale Gesundheit: Häufig werden Inhalte gezeigt, die starke Emotionen auslösen.  
  • Selbstwahrnehmung: Idealisierte Darstellungen können Druck oder Unsicherheit verstärken.  

Empfehlungssysteme basieren auf Künstlicher Intelligenz (KI) und maschinellem Lernen. Sie erkennen Muster in riesigen Datenmengen und passen sich mit jeder Interaktion an. Sie sind nicht neutral, sondern optimieren auf Kennzahlen wie Klickrate, Verweildauer oder Werbeerfolg.  

Beispiel: Wird ein Videoformat häufig geliket und bis zum Ende oder sogar mehrfach geschaut, werden ähnliche Formate künftig häufiger ausgespielt.  

  • Intransparenz: oft unklar, warum bestimmte Inhalte angezeigt werden 
  • Selbstverstärkung: einseitige Feeds, andere, konträre Sichtweisen fehlen 
  • Emotionale Steuerung: polarisierende Inhalte werden bevorzugt ausgespielt 
  • Kommerzialisierung: längere Nutzung = mehr Werbeeinnahmen 
  • Datenschutz: persönliche Daten werden umfangreich gesammelt und genutzt 

Empfehlungssysteme sind ein zentraler Bestandteil digitaler Plattformen, mit großem Einfluss auf Konsum, Meinung und Wohlbefinden. Gerade bei Jugendlichen, deren Medienkompetenz sich noch entwickelt, ist es wichtig, ein kritisches Bewusstsein für diese Systeme zu fördern und konkrete Strategien für den reflektierten Umgang zu erarbeiten.

Praxisteil: Menschlicher Algorithmus – Was hält uns am Bildschirm? (30 Minuten)

  1. Teile die Klasse in Kleingruppen von 3-4 Schüler*innen ein.

    • Jede Gruppe erhält ein Set Feed-Karten (Anhang 1, siehe oben unter Downloadmaterialien).
    • Die Aufgabe der Gruppe ist es, sich vorzustellen, sie seien ein Algorithmus. Ihr Ziel ist es, den/die Nutzer*in so lange wie möglich am Bildschirm zu halten.
  2. Lege auf jedem Gruppentisch ein großes Arbeitsblatt mit drei Spalten aus: 

    • Ja –> Hält definitiv die Aufmerksamkeit
    • Vielleicht –> Könnte je nach Person Aufmerksamkeit erregen
    • Nein –> Eher uninteressant, geringe Wirkung
    Die Gruppen ordnen jede Karte der passenden Spalte zu. Sie überlegen dabei jeweils: „Würde diese Karte jemanden dazu bringen, weiterzuscrollen?“
  • Kartenleser*in: liest abgedruckten Post vor
  • Datenbeobachter*in: achtet auf verborgene Hinweise/Tags
  • Entscheidungsführer*in: schlägt Einordnung vor
  • Sortierer*in: legt die Karte in die Spalte 
  1. Gib den Schüler*innen Anregungen, die ihnen helfen können, die Feed-Karten einzuordnen.

    Reflexionsfragen für jede Karte:

    • Weckt der Inhalt Neugier oder lässt er etwas offen?
    • Gibt es visuelle oder emotionale Reize (Farben, Sounds, Emojis)?
    • Fühlt sich der Inhalt persönlich an? Erzeugt er ein Gefühl von Zugehörigkeit oder Ausschluss?
    • Fordert der Post zu Reaktionen, Teilen oder Kommentaren auf?
    • Bezieht er sich auf virale Trends oder andere Posts?

Gib den Gruppen mindestens 10 Minuten Zeit. Gehe herum, höre zu und stelle vertiefende Fragen:

  • Warum habt ihr Karte X in die Spalte Ja eingeordent? 
  • Welche Details weisen darauf hin, dass es die Verweildauer auf dem Post erhöhen könnte? 
  • Werden auf dieser Karte möglicherweise zu viele oder persönliche Daten geteilt?

  1. In einer anschließenden Klassendiskussion kannst du die Schüler fragen, ob ihnen wiederkehrende Ideen, Emotionen oder Post-Typen aufgefallen sind. Notiere ihre Beobachtungen an der Tafel oder dem Whiteboard.

  2. Fragen bei der Diskussion können sein:

    • Welche Motive oder Reize tauchen in der „Ja“ Spalte besonders häufig auf?
    • Wie wirken sich diese Inhalte auf Stimmung, Selbstwahrnehmung und Verhalten aus?
    • Was unterscheidet Inhalte, die zum Innehalten anregen, von denen, die zum endlosen Scrollen verleiten?
  • Neugier & Emotion: Beiträge fesseln durch offene Fragen, Überraschungen oder emotionale Wendungen.
  • Visuelle & sensorische Reize: Auffällige Farben, schnelle Schnitte oder Sounds machen Posts besonders anziehend.
  • Nahbarkeit & soziale Auslöser: Inhalte wirken stärker, wenn sie Trends, Lifestyle oder persönliche Erfahrungen widerspiegeln.
  • Engagement-Haken: Umfragen, Countdowns oder Verweise auf virale Inhalte regen zu Likes, Kommentaren und Teilen an.
  • Trennung/Break-Up Posts: Storytelling und starke Gefühle wie Traurigkeit oder Neugier halten Nutzer*innen am Bildschirm.
  • FOMO: Countdowns, Trends oder Insider-Witze verstärken die Angst, etwas zu verpassen.
  • Filter: Sie steigern Attraktivität oder Humor, fördern aber auch Vergleiche und Selbstzweifel.
  • Mitternacht: Spätnächtliche Posts wirken intimer und begünstigen Doomscrolling oder impulsives Teilen.
  • Zeit: Erinnerungen, Countdowns oder Zeitraffer erzeugen Nostalgie oder Dringlichkeit und verstärken Emotionen.
  1. Cluster die Inhalte an der Tafel oder dem Whiteboard

    (z.B. „emotionale Trigger“, „soziale Vergleiche“, „visuelle Reize“).

  2. Emotionale Nachbereitung: Lasse die Schüler*innen freiwillig teilen, welche Inhalte sie belasten oder beeinflussen. Achte auf sensible Reaktionen und gib Halt durch bestärkende, empathische Sprache.

Schaffe Raum für persönliche Erfahrungen, ohne zu bewerten.

  • Sprich bei Bedarf auch über Grenzen digitaler Selbstoffenbahrung (Oversharing) und den Unterschieden zwischen Sichtbarkeit und echter Verbundenheit.
  • Reagiere respektvoll, wenn ein sensibler Grund genannt wird (z. B. depressive Stimmung).
  • Die Atmosphäre sollte offen und explorativ bleiben - es gibt kein Richtig oder Falsch bei dieser Sammlung.

  1. Stelle dann eine Transferfrage: „Was könnten wir tun, um mit solchen Inhalten besser umzugehen?“ 

    Mögliche Impulse: 

    • Inhalte bewusst auswählen 
    • Scrollzeit begrenzen 
    • Ruhezeiten einbauen 
    • Entfolgen, was stresst & folgen, was stärkt 
    • Offline-Kontakte pflegen 

Abschluss (5 Minuten)

  1. Schließe die Stunde gemeinsam mit den Schüler*innen ab und fasse die zentralen Erkenntnisse zusammen:

    • Was beeinflusst, welche Inhalte mir angezeigt werden?
    • Welche psychologischen Tricks nutzen Algorithmen?
    • Warum ist es wichtig, aufmerksam und kritisch zu bleiben?
  2. Fordere die Klasse auf, eine persönliche Erkenntnis oder Entscheidung aufzuschreiben:

    Impulsfrage: Was wirst du ab jetzt vielleicht anders machen, wenn du deinen Feed durchschaust?
  • Wenn ich merke, dass ich nur noch scrolle, dann … 
  • Ich werde darauf achten, ob ein Beitrag … 
  • Wenn ich mich beim scrollen schlecht fühle, … 

Gib Raum für stille Reflexion. Wer möchte, kann seine Entscheidung freiwillig mit der Klasse teilen. Dies fördert das Veranwortungsbewusstsein und stärkt das Gemeinschaftsgefühl.

  1. Betone zum Schluss, dass die eigene Aufmerksamkeit ein wertvolles Gut ist und dass es wichtig ist, sich der Mechanismen hinter einer digitalen Plattform bewusst zu werden. Auch wenn Algorithmen komplex sind, bestimmt jede*r Nutzer*in eigene Grenzen, Werte und Entscheidungen – sowohl online als auch offline. 

Erweiterung (15 Minuten)

  • Differenzierung für Schüler*innen mit Unterstützungsbedarf: Gib vorstrukturierte Feed-Karten-Beispiele bei denen die Tags farblich nach Risiko codiert sind (z.B. Rot = emotionaler Trigger). Alternativ kann die Reflexion auch mündlich oder im Tandemgespräch mit Satzanfängen erfolgen, anstatt schriftlich.

  • Vertiefung für leistungsstarke Schüler*innen: Fordere die Schüler*innen heraus, die typischen Aufmerksamkeitsmuster nach ethischer Bedenklichkeit zu ordnen.

  • Erweiterung im Alltag: Lasse die Schüler*innen ein 24-Stunden-Feed-Tagebuch führen, in dem sie notieren, welche Inhalte sie sehen und warum diese sie ansprechen. Alternativ können sie selbst einen fiktiven Social-Media-Feed gestalten, der typische Muster bewusst aufgreift oder vermeidet. 

Weitere Ressourcen
  • Livingstone, S., & Stoilova, M. (2021). Children’s data and privacy online: Growing up in a digital age. London School of Economics and Political Science. Zur Quelle   
  • Mozilla Foundation. (2021). YouTube Regrets: A crowdsourced investigation into the effects of platform recommendations. Zur Quelle
  • Office of the eSafety Commissioner. (n.d.). Persuasive design – Teens and their tech. Australian Government. Zur Quelle
  • Zuboff, S. (2019). The age of surveillance capitalism: The fight for a human future at the new frontier of power. London: Profile Books.

 

Viel Spaß beim Ausprobieren

Das könnte dich auch interessieren:

Cookie Consent mit Real Cookie Banner