30.09.2026
Junge Menschen wachsen in einer Welt auf, die digitaler ist denn je. Sie informieren sich über soziale Netzwerke, lernen mit digitalen Werkzeugen, kommunizieren über Messenger und nutzen zunehmend Anwendungen auf Basis Künstlicher Intelligenz.
Wie selbstverständlich digitale Medien zum Alltag gehören, zeigt die JIM-Studie 2025: Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren verbringen durchschnittlich 231 Minuten pro Tag am Smartphone, also fast vier Stunden. Bei den 18- bis 19-Jährigen sind es sogar mehr als viereinhalb Stunden täglich.*
Doch die reine Nutzungsdauer zeigt nur einen Teil des Bildes. Die aktuelle JIMplus-Studie 2026 macht die Ambivalenz sozialer Medien besonders deutlich: 82 Prozent der befragten Jugendlichen erleben Social Media als wichtigen Zugang zu Wissen. Gleichzeitig geben 72 Prozent an, dass soziale Medien sie von Dingen ablenken, die sie eigentlich erledigen sollten.**
Digitale Technologien eröffnen damit große Chancen für Bildung, Kreativität und gesellschaftliche Teilhabe. Gleichzeitig stellen sie Kinder und Jugendliche vor neue Herausforderungen: ständige Ablenkung, Informationsüberflutung, Vergleichsdruck oder die Frage, welchen Inhalten sie eigentlich vertrauen können.
Dabei geht es nicht nur darum, wie viel Zeit junge Menschen vor Bildschirmen verbringen. Entscheidend ist auch, wie sie digitale Medien nutzen, wie selbstbestimmt sie dabei handeln und wie es ihnen damit geht.
Genau hier setzt Digital Wellbeing an.
Digital Wellbeing beschreibt die Fähigkeit, digitale Technologien bewusst, reflektiert und selbstbestimmt zu nutzen. Es geht darum, digitale Medien so einzusetzen, dass sie das eigene Wohlbefinden, soziale Beziehungen, Lernen und gesellschaftliche Teilhabe unterstützen, statt sie zu beeinträchtigen.
Dabei geht es nicht um pauschale Verbote oder den vollständigen Verzicht auf digitale Medien. Vielmehr brauchen Kinder und Jugendliche Wissen, Reflexionsfähigkeit und konkrete Strategien für einen souveränen Umgang mit digitalen Angeboten.
Push-Benachrichtigungen, Autoplay-Funktionen oder endlose Feeds konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit. Häufig greifen wir automatisch zum Smartphone oder verbringen länger in einer App, als wir ursprünglich geplant hatten. Digital Wellbeing bedeutet, solche Mechanismen zu erkennen und die eigene Aufmerksamkeit bewusster einzusetzen.
Wann tut mir digitale Nutzung gut? Wann lenkt sie mich ab? Und wann kostet sie mich mehr Zeit oder Energie, als ich eigentlich investieren möchte? Selbstregulation bedeutet, das eigene Nutzungsverhalten wahrzunehmen, zu reflektieren und auf dieser Grundlage selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen.
Wer digitale Inhalte kritisch hinterfragt, Quellen überprüft und Informationen einordnet, bewegt sich souveräner in digitalen Räumen. Das ist besonders wichtig, weil Jugendliche dort regelmäßig mit problematischen Inhalten in Kontakt kommen. Laut JIMplus-Studie 2026 begegnen 71 Prozent der befragten Jugendlichen Fake News in sozialen Medien.**
Zur digitalen Souveränität gehört deshalb auch, Informationen nicht vorschnell zu übernehmen, sondern Quellen, Absichten und mögliche Manipulationen zu hinterfragen. Mit der zunehmenden Nutzung von KI-Anwendungen gewinnt diese Fähigkeit zusätzlich an Bedeutung.
Nicht jede Erfahrung im Netz ist positiv. Beleidigende Kommentare, Desinformation, belastende Darstellungen oder sozialer Vergleich können Kinder und Jugendliche verunsichern. Digitale Resilienz bedeutet nicht, solche Erfahrungen einfach auszuhalten. Sie umfasst vielmehr die Fähigkeit, belastende Situationen einzuordnen, Grenzen zu setzen, Unterstützung zu suchen und vorhandene Schutz- und Meldefunktionen zu nutzen.
Persönliche Daten gehören zu den wertvollsten Informationen unserer Zeit. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, welche Daten wir teilen, welche digitalen Spuren wir hinterlassen und wie wir unsere Privatsphäre schützen können. Dabei geht es nicht nur um technische Einstellungen. Datenschutz bedeutet auch, bewusst zu entscheiden, welche persönlichen Informationen, Bilder oder Standorte wir veröffentlichen und wer darauf zugreifen kann.
Digitale Lebenswelten und schulisches Lernen lassen sich längst nicht mehr voneinander trennen. Lehrkräfte begleiten junge Menschen nicht nur beim Erwerb von Fachwissen. Sie unterstützen sie auch dabei, sich sicher, kritisch und verantwortungsvoll in einer digitalen Gesellschaft zu bewegen.
Digital Wellbeing ist deshalb kein isoliertes Zusatzthema. Es verbindet verschiedene Zukunftskompetenzen miteinander:
Diese Kompetenzen stärken junge Menschen darin, digitale Räume aktiv mitzugestalten, statt lediglich auf technologische Entwicklungen und Plattformmechanismen zu reagieren.
Die gute Nachricht: Digital Wellbeing muss kein zusätzliches Unterrichtsfach sein.
Schon kleine Impulse können Schüler*innen dazu anregen, ihr digitales Verhalten zu beobachten, Plattformmechanismen zu hinterfragen und eigene Strategien zu entwickeln.
Um Lehrkräfte bei der Umsetzung zu unterstützen, haben wir gemeinsam mit Save the Children neue Unterrichtskonzepte zum Thema Digital Wellbeing entwickelt. Die Konzepte greifen aktuelle Fragestellungen aus der digitalen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen auf. Sie bieten konkrete Übungen, Reflexionsanlässe und Praxismaterialien für den direkten Einsatz im Unterricht.
Junge Menschen verbringen einen großen Teil ihres Alltags in digitalen Räumen. Sie nutzen diese zum Lernen, für Austausch, Unterhaltung, Kreativität und Information. Gleichzeitig zeigen die Studienergebnisse: Social Media eröffnet Zugänge zu Wissen, kann aber auch ablenken und Jugendliche mit problematischen oder falschen Inhalten konfrontieren. Die Antwort darauf kann nicht allein in pauschalen Zeitlimits oder Verboten liegen.
Wer junge Menschen auf eine digitale Gesellschaft vorbereiten möchte, muss ihnen mehr vermitteln als technische Fähigkeiten. Sie brauchen die Kompetenz, digitale Technologien kritisch zu hinterfragen, ihre Aufmerksamkeit bewusst einzusetzen, Informationen zu prüfen, Risiken zu erkennen und digitale Möglichkeiten selbstbestimmt zu nutzen.
Digital Wellbeing beginnt deshalb nicht mit Verzicht, sondern mit digitaler Souveränität.
Es geht nicht darum, digitale Medien zu vermeiden. Es geht darum, sie bewusst, sicher und selbstbestimmt zu nutzen. Und genau diese Fähigkeit wird in Zukunft wichtiger sein denn je.