Im Gespräch: Zwischen Anspruch und Realität – Digitale Teilhabe an Förderschulen

24.06.2026
Gruppe Kinder

Mit digitalen Kompetenzen zu mehr Teilhabe: Einblicke aus der Förderschule

Digitale Zukunftskompetenzen sind in einer zunehmend digitalisierten Welt eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass Schüler*innen ihren Platz in Gesellschaft und Arbeitswelt finden. Ein sicherer und reflektierter Umgang mit digitalen Technologien ermöglicht es ihnen, neue Ideen zu entwickeln, mit Unsicherheiten und widersprüchlichen Anforderungen umzugehen und die eigenen Entscheidungen verantwortungsvoll zu gestalten. Damit sind sie nicht nur eine Voraussetzung für beruflichen Erfolg, sondern auch für eine aktive, reflektierte und verantwortungsbewusste Teilhabe an der Gesellschaft.

Dabei geht es längst nicht nur um technisches Wissen. Im Zentrum stehen fachübergreifende Kompetenzen wie kritisches Denken, Kreativität, Kollaboration und Kommunikation – die sogenannten 4K. Sie helfen Schüler*innen, Informationen einzuordnen, neue Ideen zu entwickeln und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.

Darüber hinaus gewinnen weitere Fähigkeiten an Gewicht: etwa Medien- und Digitalkompetenz, ein reflektierter Umgang mit Daten und Künstlicher Intelligenz sowie Selbstregulation und verantwortungsbewusstes Handeln im digitalen Raum. Erst im Zusammenspiel dieser Kompetenzen entsteht die Grundlage für selbstbestimmtes Lernen und Handeln.

Im Gespräch mit Markus Kohlstädde

Wir bei Coding For Tomorrow gehen mit unserem Angebot auch zu Förderschulen, damit alle Schüler*innen ihre Zukunftskompetenzen ausbauen können. Für einen Einblick in unsere Arbeit haben wir Herrn Markus Kohlstädde, Konrektor an der Förderschule Sprache Brehmstraße in Köln interviewt.  

Coding For Tomorrow: Warum haben Sie sich für den Beruf des Lehrers an einer Förderschule Sprache entschieden?

Kohlstädde:

Mich motiviert die Zusammenarbeit mit verschiedenen Menschen und ich habe besonders Freude daran, die Schüler*innen auf ihrem persönlichen Lernweg zu begleiten. Ganz besonders spannend an der Förderschule sind individuellen Bedürfnisse der Schüler*innen, die uns immer wieder vor neue Herausforderungen stellen. Schaffen wir es, die Kinder entsprechend abzuholen und zu fördern, ist das in leuchtenden Augen sichtbar.

Maßgeblich entscheidend für meine Berufswahl war sicherlich die Zeit in einer pädagogischen Einrichtung während meines Zivildienstes. Dort konnte ich viele positive Erfahrungen im Umgang mit Kindern und Erwachsenen sammeln. Wer also Herausforderungen nicht scheut, ist im Lehrerberuf an einer Förderschule gut aufgehoben.

Portrait von Herr Kohlstädde
Markus Kohlstädde, Konrektor an der Förderschule Sprache Brehmstraße
Coding For Tomorrow: Welchen Herausforderungen standen Sie bei der Bereitstellung technologischer Mittel für den digitalen Unterricht gegenüber?

Kohlstädde:

Die größte Herausforderung war sicherlich die fehlende Expertise an unserem Standort. Es gibt in unserem Kollegium niemanden, der eine Zusatzausbildung in IT oder ähnliches vorweisen kann. Für die Rolle als Medienbeauftragte*r sind lediglich ein paar wenige Entlastungsstunden vorgesehen, um sich all den Fragen und Anforderungen zu stellen.  

Die technischen Möglichkeiten mussten zunächst gesichtet werden, welche Geräte und Anwendungen machen für unsere Schülerschaft Sinn. Dazu mussten Konzepte erarbeitet werden und schließlich Anträge für die Beschaffung der Technik gestellt werden. Hier war und ist weiterhin sehr viel Eigeninitiative und Engagement gefragt.  

Die sich ständig wandelnden technischen Möglichkeiten erfordern konsequente Weiterbildung und Weiterentwicklung, wozu uns meistens die Ressource Zeit fehlt. Im Schulalltag gibt es viele weitere dringende Themen, die den Alltag oftmals überlagern. 

Coding For Tomorrow: Wie können Schulen Ihrer Ansicht nach die Empfehlungen des Medienkompetenzrahmens NRW gerecht werden? Wie gehen Sie mit den Empfehlungen des Medienkompetenzrahmens (MKR) um?

Kohlstädde:

Grundsätzlich erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit, all den Anforderungen des MKR NRW gerecht zu werden. Wir nutzen die Ressourcen, die wir haben und sind damit schon weit gekommen. Gleichzeitig stehen wir dazu, dass wir Sonderpädagog*innen ohne entsprechende IT-Kenntnisse nicht alles leisten können. 

Wir haben zunächst mehrere schulinterne Fortbildungen zum MKR gemacht und unsere Fachkonferenz Digitales hat sich intensiver mit den Kompetenzen befasst. Daraus entsteht gerade ein Leitfaden mit Vereinbarungen und Verbindlichkeiten in unserer Schule.  

Passend dazu gibt es immer wieder erfolgreiche Praxisbeispiele von Kolleg*innen in kleinen Minifortbildungen. Wir profitieren besonders von unseren Lehramtsanwärter*innen, die immer wieder neue Impulse aus der Uni und aus dem Studienseminar im Unterricht umsetzen und ins Kollegium bringen. 

Coding For Tomorrow: Welche Kompetenzen werden durch den gezielten Einsatz von digitalen Medien in unserer AG bei den Kindern gefördert?

Kohlstädde:

In Bezug auf den MKR werden die folgenden Kompetenzen der Schüler*innen gefördert: 

  • Bedienen und Anwenden von Hardware 
    • Laptops und iPads bedienen 
    • Umgang mit Kennwörtern und Benutzerdaten 
    • Speichern und Hochladen von Produkten 
  • Produzieren und Präsentieren 
    • Veröffentlichen eigener Produkte 
    • Produkte vor anderen Kindern präsentieren (Schülerversammlung) 
    • Teil einer Programmier-Community sein  
  • Analysieren und Reflektieren 
    • Algorithmische Muster erkennen und nachvollziehen  
  • Problemlösen und Modellieren 
    • Einblicke in sich ständig wandelnde digitale Prozesse erhalten, von maschinellem Lernen über spielerische Erfahrungen mit KI sammeln.  
Coding For Tomorrow: Haben Sie den Eindruck, dass sich dieser Einsatz auch positiv auf die Gesamtleistung der Schüler*innen auswirkt? In welchen Bereichen zeigt sich dies besonders?

Kohlstädde:

In der Coding AG wachsen viele Kinder über sich hinaus. Oftmals können sie dort ganz andere Erfolge erfahren als in den Unterrichtsfächern am Vormittag. Die gewonnenen Erfolgserlebnisse steigern grundsätzlich das Selbstbewusstsein. Es erfüllt die Kinder mit Stolz, wenn sie nach einer Präsentation ihres Projekts Applaus bekommen und in staunende Kinder- und Erwachsenenaugen schauen. Sie nehmen die positiven Erfahrungen oft mit nach „draußen“ und bringen ihre Erfahrungen auch außerhalb von Schule an Freunde und Eltern.  

Wir können beobachten, dass die Coding Arbeit ihre Motivation erhöht, sich über einen längeren Zeitraum mit schwierigen Aufgaben zu befassen (in der AG oft deutlich länger als zum Beispiel im klassischen Mathe- oder Deutschunterricht). Insgesamt ist die intrinsische Motivation sehr hoch, so dass auch neue Ideen entwickelt werden und Dinge ausprobiert werden, die sonst in der Schule wenig Platz haben (aus zeitlichen Gründen). 

Coding For Tomorrow: Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die Arbeit von Initiativen wie Coding For Tomorrow? Wie sind Sie auf uns aufmerksam geworden?

Kohlstädde:

Durch meine Vernetzung zu anderen Schulen in NRW ist der Kontakt entstanden. So hat mich ein engagierter Vater von einer Neusser Förderschule angerufen und mir von dem Projekt Coding berichtet. Nach einigen Telefonaten war uns klar, dass wir unbedingt mit Coding For Tomorrow zusammenarbeiten möchten. 

Es ist unglaublich bereichernd, wenn ausgebildete Expert*innen in die Schule kommen und ganz anderen Input leisten, als wir das können. Unsere Fachexpertise ist eine völlig andere. Wie eben bereits erwähnt, hat Schule viele Aufträge und Themen, die es in einem laufenden Schuljahr zu bearbeiten gilt. Die Ressourcen dafür sind mehr als knapp.  

Wir arbeiten bereits seit Jahren mit Coding For Tomorrow erfolgreich zusammen. Die gemeinsame Arbeit ist sehr positiv und entwickelt sich stetig weiter. Wir sind wöchentlich in einem konstruktiven Austausch, so dass beide Seiten voneinander profitieren. 

Coding For Tomorrow: Gab es in der Zeit besondere Erfolgserlebnisse, die die Bedeutung der Scratch AG unterstreichen? Gibt es Beispiele, die besonders eindrucksvoll waren?

Kohlstädde:

Der Erfolg zeit sich auf mehreren Ebenen. An erster Stelle stehen die tollen Entwicklungen und Ergebnisse der Schüler*innen. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass diese nach wenigen Monate in der Lage sind, eigene kleine Computerspiele zu programmieren und sich trauen, diese einem Publikum zu präsentieren. Das ist für Kinder mit sprachlichen Beeinträchtigungen ein immenser Erfolg.  

Ein Schüler hat es sogar geschafft, Super Mario nachzuprogrammieren und sich damit in der Scratch Community zu platzieren. Da haben wir nicht schlecht gestaunt. 

Als nächstes zeigt sich der Erfolg sicherlich in der mittlerweile mehrjährigen Zusammenarbeit mit Coding For Tomorrow. Durch die konstante Begleitung von Frau Guder als Trainierin entsteht schon eine Art Team Teaching, so dass die Organisation und Durchführung der AG sehr gut auf unsere Schülerschaft abgestimmt ist. 

AG Team Foto
Monika Kim (Schulbegleiterin), Anne Guder (AG Leitung), Markus Kohlstädde (Konrektor)

Unsere positiven Erfahrungen haben dazu beitragen können, dass Coding auch an weiteren Förderschulen angeboten wird. Abschließend möchte ich es als Erfolg bezeichnen, dass unser Einsatz auch von außen gesehen und gewürdigt wurde. So haben wir bereits mehrfach Stiftungsgelder von der School For Science Stiftung von Bayer akquirieren können. Das freut uns natürlich sehr.

Die Inhalte der Coding AG werden von den Kindern in ihrer Lebenswelt transferiert. Dies geschieht oft selbstständig äußerst reflektiert und ohne dass es direkt von uns angeregt wurde. Man spürt in den letzten Jahren einen enormen Zuwachs an Medienerfahrungen, die wir in unserer AG mit den Schüler*innen gemeinsam aufgreifen. Der Anteil der interessierten Schüler*innen steigt jedes Jahr. Uns freut besonders, dass wir auch viele Schülerinnen inzwischen begeistern können. 

Exkurs: Wie können Schüler*innen an Förderschulen gestärkt werden?

Individuelle Förderung

Schüler*innen profitieren davon, wenn Lernangebote gezielt an ihre individuellen Voraussetzungen anknüpfen. Durch differenzierte Aufgabenformate und begleitete Lernprozesse können digitale Kompetenzen Schritt für Schritt aufgebaut werden – orientiert an den jeweiligen Stärken und Entwicklungsbedarfen.

Lernarrangements, in denen Schüler*innen gemeinsam an Projekten arbeiten und eigene Ideen umsetzen, fördern aktives Lernen. Digitale Werkzeuge unterstützen dabei, Inhalte anschaulich zu gestalten, Lösungswege zu erproben und Ergebnisse gemeinsam weiterzuentwickeln.

Damit digitale Lernangebote wirksam genutzt werden können, braucht es eine verlässliche Ausstattung sowie einen niedrigschwelligen Zugang zu Geräten und Anwendungen. Entscheidend ist, dass diese Angebote für alle Schüler*innen erreichbar sind und bestehende Unterschiede in den Lernvoraussetzungen nicht verstärken, sondern ausgleichen.

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