Wo Schüler und Wissenschaft zusammenarbeiten

27.06.2019

Design Thinking meets Mixed Reality:
Wo Schüler und Wissenschaft zusammenarbeiten

Wenn Ioannis Theocharis das pädagogische Konzept für seine nächste Unterrichtseinheit vorbereitet, ist das immer wieder eine Herausforderung. Nicht etwa, weil der Trainer neu in seinem Job wäre. Sondern weil seine Gruppe, der er etwas zu den Themen Design Thinking und Mixed Reality beibringen möchte, sehr unterschiedlich ist: 14 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen sechs bis neun sowie Studierende eines Masterstudiengangs der Hochschule Düsseldorf bilden Tandems. Es gilt also, für eine hochgradig heterogene Gruppe Aufgabenstellungen zu finden, damit die Unterrichtsstunde harmonisch wird.

Montagnachmittags wird getüftelt

An den Montagnachmittagen im Mai, Juni und Juli trifft sich die Gruppe zum gemeinsamen Tüfteln im Düsseldorfer Hub von Coding for Tomorrow. Im wahren Leben wären sich die SchülerInnen und Studierenden wahrscheinlich nie begegnet; das Pilotprojekt der von der Vodafone Stiftung initiierten Bildungsinitiative zusammen mit der Hochschule Düsseldorf und der Realschule Golzheim macht es möglich. Mit dabei ist auch das Fraunhofer-Institut in Stuttgart, das den Prototypen einer AR-Datenbrille zur Verfügung gestellt hat. An den von einer Forschergruppe entwickelten Bausätzen arbeiten die SchülerInnen und Studierenden gemeinsam – meistens als Zweierteam. Ziel ist es, die Komponenten und Technologie der Datenbrille benennen zu können, die Funktionsweise zu verstehen und sich mit diesem Verständnis mögliche Anwendungen vorzustellen. Die Datenbrille lässt sich aus Fischertechnik-Bausteinen, einem Mikrokontroller, kleinen Spiegeln und Linsen selbst bauen. Die Teams können am Ende des Kurses rechtfertigen, warum die Datenbrille als Mixed-Reality-Instrument bezeichnet wird, welche Rolle der Mikrokontroller spielt und weshalb eine Linse benötigt wird. Los ging es in den ersten Unterrichtseinheiten mit einer Physikrecherche. Es folgten Einführungen ins Programmieren, Mikrokontrolling sowie in den 3-D-Druck. Und: Die Kinder bekamen eine Design-Thinking-Aufgabe: Wie kann ich einen Mikrokontroller im Alltag nutzen? „Sie haben begeistert gebrainstormt und kamen zu tollen Ergebnissen wie etwa einer automatischen Blumengießmaschine oder Hunde-Spielzeug, das vor Hunden weglaufen kann“, sagt Trainer Ioannis.

Mit Coding lässt sich differenziert arbeiten

Lehrer Simon Stettner freut sich, dass seine SchülerInnen eine Eins-zu-eins-Betreuung erhalten – im Schulalltag ist das in dem Umfang nicht möglich. Für das Projekt hat er seine Digital-AG begeistern können, das erklärt die unterschiedlichen Klassenstufen. „Es sind ausschließlich Schüler vertreten, die wirklich Lust haben. Am Coding finde ich toll, dass man so differenziert arbeiten kann. Das zeigt auch wieder dieses Pilotprojekt. Ob Klasse sechs oder Klasse neun: Für jeden ist eine spannende Aufgabe dabei“, sagt Simon Stettner. Er hatte schon vorher mit Coding for Tomorrow zusammengearbeitet und war begeistert vom Ansatz der Initiative. Deshalb fragte er, ob man sich vorstellen könne, ein weiteres Projekt auf die Beine zu stellen. So kam es zu dem Match mit der Hochschule Düsseldorf. „Solche interdisziplinären Kooperationen sind uns im Hub sehr wichtig. Wir glauben daran, dass das Zusammenbringen verschiedener Kompetenzen ein erfolgreicher Weg sein kann, digitale Bildung zu vermitteln“, sagt Andrea Zinnenlauf, Leiterin von Coding for Tomorrow – Hub für digitale Bildung der Vodafone Stiftung.

Kooperatives lernen ist ein Gewinn für alle

Peer Learning nennt sich das, was das Pilotprojekt so spannend und erfolgreich für alle Beteiligten macht. Es geht darum, Menschen mit unterschiedlichem Wissenstand oder Bildungsgrad gemeinsam an einem Projekt arbeiten zu lassen. Kooperatives Lernen ermöglicht den SchülerInnen, Inhalte zu bearbeiten und Stufen zu bewältigen, die für sie alleine nicht möglich wären. „Die dynamische Interaktion zwischen den Schülern und Studierenden zu beobachten ist toll. Was hier entsteht, ist einzigartig. Und: Der soziale Mehrwert ist enorm, jeder kommt einmal aus seiner Blase heraus“, sagt Ioannis.

Ein interdisziplinär denkender Lehrstuhl

Seitens der Hochschule Düsseldorf koordiniert Kommunikationsdesignerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin Anastasia Treskunov das Pilotprojekt. Eingebettet ist es in das Seminar „Do it yourself Datenbrillen“, es findet unter der Leitung von Professor Christian Geiger statt und richtet sich an die Studiengänge Kommunikationsdesign und Medieninformatik. „Unser Lehrstuhl denkt und handelt interdisziplinär. Unserer Erfahrung nach entstehen so die besten Ergebnisse. Deshalb bringen wir gerne Designer und Informatiker in Projektgruppen zusammen, damit sie etwas Innovatives entwickeln“, sagt Anastasia Treskunov. Trotzdem gebe sie zu, anfangs Bedenken gehabt zu haben, wie das Pilotprojekt überhaupt funktionieren könne. „Auf der anderen Seite habe ich die Erfahrung gemacht, dass Projekte immer dann rund laufen, wenn die Teilnehmenden aus verschiedenen Bereichen kommen und mit unterschiedlichen Perspektiven auf die Fragestellung schauen.“ Professor Christian Geiger und Anastasia Treskunov wollten bei der Kooperation dabei sein, weil es sie reizt, Grenzen und Strukturen aufzubrechen. Und so fragten sie unter ihren Studierenden, wer Interesse hat, ein Seminar mit konkretem pädagogischem Praxisbezug zu besuchen. „Einige unserer Studenten können sich vorstellen, eines Tages in die Lehre zu gehen – ob als Dozent oder Lehrer. Eine Studentin hat ihre Bachelorarbeit sogar zum Thema immersives Lernen geschrieben. Da geht es darum, wie man Inhalte besser zugänglich machen kann“, erzählt Anastasia Treskunov.

Das Fraunhofer-Institut erhofft sich Ergebnisse

Die Arbeit des Pilotprojekts wird von den Studierenden der Hochschule Düsseldorf hinterher ausgewertet, denn das Fraunhofer-Institut erhofft sich Ergebnisse: Wie das Zusammenbauen der Datenbrillen funktioniert hat, wie die Erfahrungen mit den Baukästen insgesamt waren. Am Ende des Semesters steht für die Studierenden auch eine Prüfung an, außerdem schreiben sie eine Hausarbeit zum Thema immersives Lernen. Auch die Zusammenarbeit im Kurs selbst geht in die Benotung ein. „Ich bin positiv überrascht, wie gut die Schüler im Programmieren sind und wie sie sich schweren Aufgaben stellen. Sie gehen ganz natürlich mit den Herausforderungen um, das ist beeindruckend“, sagt Anastasia Treskunov.

Das Düsseldorfer Hub gibt es jetzt auch virtuell

Für Ioannis Theocharis ist das Pilotprojekt zugleich Chance wie auch ein Gewinn für alle. Die Studierenden erfahren, wie viel Betreuungsaufwand eine Lehrkraft hat. Aber sie sehen auch, wie viel Begeisterung digitale Bildung bei Kindern auslöst. Für die SchülerInnen liegt klar auf der Hand, warum sie profitieren: Ohne ihren Tandempartner wären solche anspruchsvollen technischen Projekte nicht möglich. Und der betreuende AG-Lehrer bekommt das Rüstzeug mit auf den Weg, solche Projekte zukünftig alleine auf die Beine zu stellen. „Ich freue mich immer auf den Montagstermin“, sagt der Trainer. Er ist gespannt, ob aus dem Pilotprojekt mehr entstehen wird. „Wünschenswert wäre es, ich bin nämlich ein großer Fan von integriertem Unterricht. Die Zusammenhänge fehlen ja oft in der Schule – die können wir im Hub herstellen.“ Ein Beispiel: Die Neuntklässler arbeiten gerade mit Unity, einer Plattform, mit der man alles rund um Virtual Reality machen kann. Es wird als Basis für Spiele-Entwicklung verwendet. Die SchülerInnen haben gemeinsam mit einem Studenten das gesamte Hub nachmodelliert. Das gibt es jetzt also auch virtuell.

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