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Wir müssen neue Wege gehen, um das Lernen in der digitalen Gesellschaft zu unterstützen

03.06.2020

„Wir müssen neue Wege gehen, um das Lernen in der digitalen Gesellschaft zu unterstützen“

Ein Gespräch mit Jana Viehweger von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB)
Jana Viehweger ist Bibliothekarin an der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) und für die Programmarbeit im Erwachsenenbereich zuständig. In dieser Funktion gestaltet sie Workshop-Formate für Jugendliche ab der 9. Klasse, um diese im Umgang mit digitalen Medien zu stärken. Sie ist ebenfalls Teilnehmerin eines Kooperationsprojekts zwischen Coding For Tomorrow und dem Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB), in dem Mitarbeitende von Berliner Bibliotheken im Rahmen digitaler Workshops eigene innovative Lernangebote entwickelten. Wir haben mit Jana über das Projekt, die Rolle von öffentlichen Bibliotheken in der digitalen Gesellschaft und die Herausforderungen bei der Vermittlung digitaler Kompetenzen gesprochen.

Was macht die Arbeit von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren im 21. Jahrhundert so besonders?
In den letzten Jahrzehnten hat sich das Informationswesen stark ins Digitale verlagert und das Internet ist zu einem wahren Informationsdschungel geworden. Bibliotheken können hier einen wichtigen Beitrag leisten, sich zurechtzufinden, denn unsere Aufgabe als Bibliothekarinnen und Bibliothekare ist und war schon immer die Vermittlung von Medien- und Informationskompetenzen: Wie gelange ich an nützliche Informationen? Wie bewerte ich sie – und wie kann ich sie aufbereiten? Über interaktive Ansätze mit digitalen und analogen Angeboten wollen wir den Jugendlichen spielerisch einen sicheren und selbstständigen Umgang mit Informationen ermöglichen.

Als Vertreterinnen der ZLB, die Teil des VÖBB ist, wart ihr direkt von Anfang an in die Projektgruppe eingebunden. Wie hast du das Projekt erlebt?
Als uns die verschiedenen Tools vorgestellt wurden, war ich zunächst skeptisch, ob der Ansatz für unsere vergleichsweise älteren und teils sehr unterschiedlich aufgestellten Jugendlichen zu verspielt sein würde. Mir ist jedoch schnell klar geworden, dass in den Tools ein großer Mehrwert für ganz verschiedene Zielgruppen und Ansprüche liegt. Denn wir müssen neue Wege gehen, um das Lernen in der digitalen Gesellschaft zu unterstützen. Mit den Tools kann aus den traditionellen Methoden der Wissensvermittlung ausgebrochen und stattdessen ein gemeinsames Erlebnis kreiert werden, bei dem man gleichzeitig spielerisch forschen und lernen kann. Wir haben uns für das Programm CoSpaces entschieden, mit dem die Jugendlichen virtuelle Welten erstellen können. Ein weiterer Vorteil: Man braucht dafür lediglich einen Laptop oder Tablet und eine stabile Internetverbindung. Dabei hat uns Teilnehmenden die individuelle Unterstützung von Coding For Tomorrow sehr bei der Erstellung der ersten Workshop-Formate geholfen. Ich war begeistert, wie schnell in verschiedenen öffentlichen Bibliotheken in Berlin in kurzer Zeit so interessante und schöne Projekte zustande gekommen sind.

Worin siehst du die größten Herausforderungen bei der Durchführung solcher neuer Workshop-Formate?
Zum einen: In der Heterogenität der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Bei jedem Workshop müssen wir aufs Neue verstehen, mit welchen Voraussetzungen die Jugendlichen zu uns kommen, wie motiviert sie sind und wie sich die Gruppendynamik gestaltet. Flexibilität ist das oberste Gebot: Es müssen zwar klare, auf die Gruppe abgestimmte Ziele für den Workshop festgelegt werden. Gleichzeitig müssen wir in gewisser Hinsicht aber ergebnisoffen bleiben und unvorhergesehene Änderungen zulassen. Als Bibliotheken haben wir hier gegenüber Schulen den großen Vorteil, uns nicht an Rahmenlehrpläne halten zu müssen, und können so wesentlich mehr Gestaltungsspielraum in unseren Angeboten zulassen. Zum anderen: Müssen wir selbst offen und neugierig für neue Lernformen bleiben und sie immer wieder ausprobieren.

Wie gestaltet sich denn das Zusammenspiel von Bibliotheken und Schulen – und wie könnte es in Zukunft aussehen?
Wichtige Grundanforderungen müssen die Schulen vermitteln. Aber gerade im Bereich der digitalen Bildung, für den es durch die eher schleppende Entwicklung an vielen Schulen einen großen Bedarf gibt, kommt uns eine wichtige Rolle zu. Selbst bei einem möglichen „Digitalisierungsschub“ durch die Schulschließungen im Zuge der Covid-19-Pandemie sehe ich Bibliotheken weiterhin als zentrale Ergänzung zum Angebot der Schulen, da wir neue technologische Entwicklungen schneller aufgreifen und in unser Programm integrieren können.

In verschiedenen skandinavischen Ländern sehen wir, dass Bibliotheken zunehmend zu wichtigen digitalen Lernorten werden. Siehst du eine solche Entwicklung auch für Bibliotheken in Deutschland?
Ich sehe auf jeden Fall, dass Jugendliche Bibliotheken stärker nutzen, um – allein und gemeinsam – zu lernen. Auch wir begreifen die Bibliothek als einen wichtigen Lern- und Arbeitsort und versuchen vermehrt, moderierte Räume und Angebote für diese Art der Zusammenarbeit zu schaffen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass es uns gelingt, diese Entwicklung stärker voranzutreiben und sie noch besser in unsere Organisationsstruktur zu integrieren.

Was braucht es, um diese Entwicklung besser zu fördern?
Erstmal braucht es natürlich den physischen Platz für flexible Raumstrukturen und dann natürlich die entsprechenden Tools und Ressourcen, um vor allem digitale Workshop-Formate voranzubringen. Gleichzeitig ist die Zusammensetzung des Kollegiums an Bibliotheken entscheidend. Häufig wird hier ein Entweder-Oder von gedrucktem Wort vs. digitale Medien diskutiert. Ich denke, dass sowohl Bücher als auch digitale Medien einen Mehrwert bringen und wir Konzepte auch für die Zukunft brauchen, die diese sinnvoll verbinden. Dabei hilft eine entsprechende Zusammensetzung des Kollegiums, das z.B. hinsichtlich der Kompetenzen möglichst vielseitig aufgestellt ist. Letztendlich würde ich sagen: Die Mischung macht‘s.

Wie geht es jetzt im Anschluss an das Kooperationsprojekt bei euch weiter?
Eine große Stärke des Projekts ist der unmittelbare Austausch über die vielen spannenden Ideen mit den anderen VÖBB-Bibliotheken. Der nächste Schritt ist jetzt, unsere Ergebnisse so aufzubereiten, dass wir sie in die Welt hinaustragen und weitere Bibliotheken „anstecken“ können – zunächst digital und nach der kompletten Wiederaufnahme des Bibliotheksbetriebs auch wieder persönlich. Dann werden wir auch endlich in der Lage sein, das neue Format vor Ort mit den Jugendlichen zu testen. Darauf freue ich mich schon besonders. Gleichzeitig sind wir bereits dabei, neue Formate für andere Zielgruppen zu entwickeln. Zum Beispiel versuchen wir, digitale Lernräume für Erwachsene einzurichten, um sich im virtuellen Treff über ein gemeinsames Thema weiterbilden zu können. Daraus können ebenfalls neue kreative Projekte entstehen.

Darauf sind wir schon sehr gespannt. Danke für das Interview.

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